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Teppich-Wissen

Dorf- & Nomadenteppiche

Aus dem Gedächtnis geknüpft statt nach Vorlage: Dorf- und Nomadenteppiche sind kantiger, kräftiger und persönlicher als Stadtware – und bieten bis heute den meisten Charakter fürs Geld.

Wer diese Teppiche knüpft

Neben den Manufakturen der Städte lebt in Persien eine zweite, weit ältere Tradition: Teppiche, die in Dörfern und in Nomadenzelten entstehen. Gearbeitet wird an einfachen Webstühlen, bei wandernden Stämmen oft waagerecht am Boden aufgespannt, damit sich die Konstruktion in Stunden ab- und wieder aufbauen lässt.

Eine gezeichnete Vorlage kommt dabei nicht zum Einsatz. Die Muster stecken im Gedächtnis der Knüpferin und werden innerhalb der Familie weitergegeben – deshalb tauchen dieselben Motive über Jahrhunderte wieder auf, in jedem Stück aber leicht verschoben. Diese kleinen Abweichungen sind der Fingerabdruck des Typs.

Der tragbare Webstuhl begrenzt auch das Format. Nomadenteppiche messen selten mehr als 250 Zentimeter in der Länge; verbreitet sind Zeltformate, Läufer, Satteltaschen und Salzsäcke. Dorfteppiche aus sesshaften Gemeinden fallen größer aus, weil dort feste Webstühle stehen.

Die bekanntesten Herkünfte

Hamadan ist mit mehreren hundert knüpfenden Dörfern die größte Produktionsregion des Irans. Der Handelsname meint dabei nicht die Stadt selbst, sondern den Sammelmarkt. Typisch ist der einfache Schussfaden zwischen zwei Knotenreihen – das ergibt ein festes, dickes Gewebe mit geometrischer Zeichnung, das viel aushält.

Aus der Provinz Fars rund um Schiras kommen die Teppiche der Kaschgai: kräftiges Rot und tiefes Indigoblau, Rautenmedaillons übereinander und zwischen den Motiven kleine Tierfiguren – Hühner, Hunde, Pferde. Die Beluch aus Ostpersien und Westafghanistan knüpfen dagegen dunkel, in Aubergine, Braun und Nachtblau, häufig als Gebetsteppich mit stilisiertem Lebensbaum.

Weitere geschätzte Namen sind Bachtiar mit seinem Tafelmuster aus rechteckigen Gartenfeldern, Afshar aus dem Südosten mit kleinen Formaten und Ardebil im Nordwesten, wo kaukasische Einflüsse durchschlagen. Jede dieser Gruppen lässt sich an Farbklang, Format und Gewebe unterscheiden.

Unterschiede zur Stadtware

Der auffälligste Unterschied liegt in der Zeichnung. Weil ohne Vorlage gearbeitet wird, sind die Muster geometrisch statt floral, Kurven werden in Treppenstufen übersetzt, und die Bordüre bricht an der Ecke manchmal einfach ab. Hälften spiegeln sich nicht exakt – das gehört zum Typ und ist kein Fehler.

Auch die Konstruktion ist eine andere: Kette und Schuss bestehen häufig aus Wolle oder Ziegenhaar statt aus Baumwolle. Das macht den Teppich weicher, etwas welliger und beweglicher, ist aber empfindlicher gegen Nässe, weil Wolle beim Trocknen arbeitet.

Die Knüpfdichte liegt meist zwischen 60.000 und 160.000 Knoten pro Quadratmeter und damit deutlich unter der Stadtware. Farbunterschiede in Bahnen, im Fachhandel Abrash genannt, kommen häufiger vor, weil in kleinen Partien gefärbt wurde und das Garn oft von mehreren Tieren stammt.

Woran erkennt man ein gutes Stück

Beurteilen Sie zuerst die Wolle mit der Hand. Bergwolle aus kalten Hochlagen ist elastisch, hat einen matten Tiefglanz und federt zurück, wenn Sie hineingreifen. Wolle, die sich hart und trocken anfühlt oder beim Reiben stark fasert, bringt kaum Lebensdauer mit.

Prüfen Sie danach den Lauf des Teppichs: Liegen die Kanten gerade, oder zieht sich eine Seite ein? Leichte Wellen lassen sich in der Wäsche richten, ein stark verzogenes Gewebe dagegen kaum. Kontrollieren Sie außerdem die seitlichen Kantenumstechungen und die Fransen, denn dort beginnt bei Nomadenteppichen der Verschleiß.

Misstrauisch sollten Sie werden, wenn ein angeblicher Nomadenteppich vollkommen gleichmäßig gefärbt und exakt symmetrisch ist. Solche Stücke stammen meist aus einer Werkstattproduktion nach Musterkarte und sind, gemessen am Aufpreis für Nomadenware, oft zu teuer angesetzt.

Preis-Einordnung

Neue Dorf- und Nomadenteppiche liegen im Handel häufig zwischen 150 und 400 Euro pro Quadratmeter; ein Kaschgai in 150 × 200 Zentimetern bewegt sich damit meist im Bereich von 450 bis 1.200 Euro. Damit gehören sie zu den günstigsten handgeknüpften Teppichen überhaupt.

Gebrauchte Stücke aus den 1960er- bis 1980er-Jahren sind oft noch preiswerter als vergleichbare Neuware, weil der Markt für gedeckte, gealterte Farben schwankt. Ältere, sortenreine Stammesteppiche in gutem Zustand bilden dagegen einen eigenen Sammlermarkt mit deutlich höheren Preisen. Eine verlässliche Zahl ergibt sich erst nach Begutachtung des Originals.

Alltag und Pflege

Im Alltag sind diese Teppiche unkompliziert: Der dichte Wollflor verträgt Kinder, Stühle und Straßenschuhe. Saugen Sie ohne rotierende Bürste, und schieben Sie unter leichte Teppiche eine Antirutschmatte, damit sich die Wollkette nicht dauerhaft verzieht.

Wie oft eine Grundwäsche fällig wird, entscheidet die Belastung: Im wenig genutzten Zimmer vergehen leicht sechs Jahre, im Flur ist es oft schon nach zwei so weit. Wichtig ist, dass die Wäsche fachgerecht erfolgt – Teppiche mit Wollkette müssen nach dem Waschen aufgespannt getrocknet werden, sonst zieht sich das Gewebe zusammen.

Löst sich seitlich eine Kantenumstechung oder franst der Abschluss aus, sollten Sie zügig handeln. In unserer Werkstatt lässt sich ein offener Rand mit wenig Aufwand sichern; bleibt er offen, wandert der Schaden Reihe für Reihe in die Fläche hinein.

Dorf- und Nomadenware ist immer Einzelstück – zwei gleiche gibt es nicht. Den aktuellen Bestand sehen Sie unter Dorf- und Nomadenteppiche.

Herkunft: Dörfer und Weidegebiete quer durch Persien
Herkunft: Dörfer und Weidegebiete quer durch Persien – Rund um Hamadan liegt die größte Dorfknüpferei des Irans; weitere Zentren sind Fars und Ostpersien · Kartendaten © OpenStreetMap-Mitwirkende
Fachlich geprüft von Reza Hassani, Inhaber der Teppich Wäscherei Hamburg (Alstertor 20) – Ankauf, Wäsche und Reparatur von Orientteppichen.
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Häufige Fragen zu Dorf- & Nomadenteppiche


Was unterscheidet einen Nomadenteppich von einem Dorfteppich?

Nomadenteppiche entstehen an tragbaren Webstühlen wandernder Stämme und sind deshalb meist kleiner als 250 Zentimeter, häufig mit Kette und Schuss aus Wolle. Dorfteppiche werden an festen Webstühlen sesshafter Gemeinden geknüpft, fallen größer aus und haben öfter eine Baumwollkette. Beide arbeiten ohne gezeichnete Vorlage und zeigen geometrische, aus dem Gedächtnis geknüpfte Muster.

Sind unregelmäßige Muster ein Qualitätsmangel?

Nein, sie sind das Kennzeichen dieses Teppichtyps. Weil ohne Vorlage geknüpft wird, laufen Bordüren nicht immer sauber um die Ecke und die Musterhälften spiegeln sich nicht exakt. Ein vollkommen symmetrischer, gleichmäßig gefärbter Teppich stammt dagegen meist aus einer Werkstattproduktion nach Musterkarte.

Welcher Nomadenteppich eignet sich für den Flur?

Gut geeignet sind dichte, fest geschlagene Qualitäten aus der Region Hamadan sowie Bachtiar-Teppiche, weil beide ein schweres Gewebe und kurzen, strapazierfähigen Flor mitbringen. Wichtig ist eine Antirutschmatte, damit sich das Gewebe nicht verschiebt. Sehr feine oder alte Stücke gehören dagegen in ruhigere Räume.

Warum haben viele Nomadenteppiche Farbstreifen?

Diese Streifen heißen Abrash und entstehen, wenn Garn aus verschiedenen Färbepartien oder von unterschiedlichen Tieren verarbeitet wird. Bei pflanzlicher Färbung in kleinen Mengen lässt sich der Farbton kaum exakt wiederholen. Im Fachhandel gilt Abrash als Beleg für traditionelle Herstellung und mindert den Wert nicht.

Wie werden Dorf- und Nomadenteppiche richtig gewaschen?

Sie gehören in die Handwäsche, weil Kette und Schuss oft aus Wolle bestehen und das Gewebe beim Trocknen arbeitet. Nach dem Spülen muss der Teppich aufgespannt und langsam getrocknet werden, sonst zieht er sich zusammen oder verzieht sich. Von Dampfreinigern und Waschsaugern raten wir bei diesen Teppichen ausdrücklich ab.

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